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    +++ Lesung: Stefan Schwarz gibt sich am 30.09.2010 in Lüneburg die Ehre. Buchhandlung am Markt, Bardowicker Str. 1, Beginn ist 20 Uhr. +++  
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Blutiges auf dem Nachttisch

Es gibt viele Frauen, die Krimis verschlingen. Autor Stefan Schwarz hat eine davon neben sich im Bett und weiß auch, was die Weibsbilder an den Schurkenstoffen so fasziniert

 
Leseprobe

Meine Frau mag Krimis. Mein Frau kauft Krimis, tauscht Krimis und betratscht Krimis. In ihren eigenen Worten: Sie braucht Krimis. Zum Abschalten. Es ist rätselhaft. Wenn ich abschalten will, begebe ich mich entschlossen zu meinem Vorrat exzellenter Single Malt Whiskys, mit dem ich mich nach Belieben stufenweise herunterschalten oder auch mal ganz ausknipsen kann, aber ich fresse mich nicht Seite für Seite durch Schilderungen neonkalter Pathologenkeller, in denen wächserne Leichen voller Insektenlarvenstadien zum Bestimmen des Todeszeitpunkts einladen. Und das sind noch die netten Stellen.

Zugegeben, ich bin ein bisschen ein Ha­scherl, und meine Spannungstoleranz wäre bei Krimis wie »Das Rätsel der beinahe verlegten Sonnenbrille« oder »Die irrtümliche Ab­bu­chung geschah am helllichten Tag« wahrscheinlich ausgereizt, aber auf dem Nacht­schrank meiner Frau stapeln sich Bücher mit so von Blut triefenden Covern, dass ich mich bei der Frage ertappte, was das für eine Welt ist, von der meine Frau abschalten will, wenn sie sich nur noch mit so was davon ablenken kann.
Eine gute Frage, eine wichtige Frage, und ich reichte sie an meine Frau weiter, als sie sich wieder einmal nächtens wegen irgend­einer Verwesungssache aus der Feder beziehungsweise Tastatur von Simon Beckett verschlossen gab. Sie lese Krimis, weil sie wissen wolle, ob sie mit ihren Vermutungen recht habe, bekannte mein Weib abwesend zwischen zwei Absätzen, das nenne man Span­nung. Ich rutschte näher und sagte, das Schö­ne an spannenden Büchern sei, dass man sie morgen an genau derselben Seite wieder aufschlagen könne, ohne dass die Spannung sich über Nacht verflüchtigt hätte. Aber ich ward sogleich von ihrem schönen Hintern fortgedrückt, denn es war gerade eine Stelle mit wichtigen Hinweisen, die meiner Frau im Gegensatz zu meinen Absichten noch gänzlich unbekannt waren.

Der Erfolg der Krimibranche bei der weiblichen Kundschaft verdankt sich also der überraschend öden Tatsache, dass Thriller nur als Verbrechen getarnte Sachaufgaben sind. Wie schon in der Grundschule die zwinkernde Lehrerfrage »Na, wer von euch kennt die Lösung?« zuverlässig dazu führt, dass all die Streber-Mädchen sich Arm ausreckend und »Ich-ich-ich!« kieksend melden (während die Jungs weiter ungerührt unter dem Tisch Pokemon-Karten tauschen), so stachelt auch der Thriller in reiferen Jahren bloß den un­schönen weiblichen Klassenbestenehrgeiz an, den Täter schon auf den ersten hundert Seiten herauszuknobeln, sich selbst auf die Schulter zu klopfen und das Buch nur noch zur Be­stätigung auszulesen. Ein Bedürfnis, das sehr stark sein muss, denn dafür nehmen krimi­schmökernde Frauen einiges in Kauf. Lite­rarische Qualitäten, feine Psychologie oder Stil – Fehlanzeige. Wenn Stieg Larsson von Lisbeth Salanders Geschicken erzählt, klingt er selbst bei den drastischen Szenen wie seine eigene Oma. Dazu passt, dass in »Ver­damm­nis«, »Vergebung« und »Ver­blend­ung« alle zwei Dutzend Seiten in völlig nervtötender Weise Stullenbrote gegessen und Kaffee ge­trunken wird, als wäre dem Autor vom schwe­dischen Schriftsteller­verband nur eine einzige Überleitungsszenerie zugestanden worden. Aber Frauen lesen über so was hinweg. Sie wollen nur wissen, wie es weitergeht.

Dazu kommt, dass der Autor den ihm ja von Anfang an gut bekannten Täter (wobei ich schon Romanfiguren erlebt habe, die sich erst beim Schreiben mit einem Mal als Schur­ken herausstellten) hinter allen möglichen Nebenhandlungssträngen vor den schnüf­feln­den Leserinnen versteckt. »Ah ja, klar«, murmelte meine Frau ein paar Seiten weiter in sich hinein, »wusste ich es doch, der Typ mit dem Hut war es nicht.« Ich setzte mich auf und erklärte, ich würde mir die Hälfte des Gel­des zurückerstatten lassen, wenn ein 400 Sei­ten starkes Buch an die 200 Seiten irreführende, völlig sinnlose Hand­lungs­stränge enthalte, aber mein Weib murrte, in meinem Leben sei auch manches um­sonst gewesen, und ich gab kleinlaut bei. Okay, wenn man schon mal teuer geschieden wurde, reagiert man vielleicht gereizter auf falsche Fährten.

Meine Frau blätterte weiter. Im Minuten­takt. Für mich, der ich langsamer lese, als meine Tochter den Text in Kartoffeldruck nachbauen könnte, völlig unverständlich. Krimis sind Schlingbücher. Man kann hier nicht ernsthaft von Lesen sprechen: Der Inhalt wird eigentlich nur grob mit dem Augenpflug um­gebrochen. Weil ich jetzt schon so lange wach ge­blieben war, unternahm ich einen neuen Ver­such, Simon Becketts Leichenblässe von meinem Weib zu vertreiben ...

Weiterlesen in DAS MAGAZIN, Ausgabe 7/8-2010.
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