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    +++ Lesung: Stefan Schwarz gibt sich am 30.09.2010 in Lüneburg die Ehre. Buchhandlung am Markt, Bardowicker Str. 1, Beginn ist 20 Uhr. +++  
  stefan schwarz
  Kolumne
Mutprobe
 
Strolchi und Spaßi (Leseprobe aus Heft 7/8-2010)  Eigentlich war ich dran, aber ich zögerte noch. Die runde Verkäuferin mit der etwas strohig geratenen Blondierung zählte freundlich-genervt innerlich bis drei und bediente dann den nächsten Kunden. Danach warf sie noch mal einen fragenden Blick in meine Richtung, der ich schon stumm mit den Lippen die Bestellung zu formulieren suchte, aber nach ein paar quälend langen Momenten, in denen sich zum Blick der Verkäuferin die Blicke der anderen Kunden hinzugesellten, zeigte ich bloß kurz auf ein Tablett mit braun gefleckten Gebäck­stücken. »Zimt-Wuppis? Sie wollen Zimt-Wuppis?«, sagte die Verkäuferin, und ich zuckte jedes Mal zu­sammen. Ich esse Rührteiggebäck ganz gern, aber ich kann keine Zimt-Wuppis bestellen.
Vielleicht hat es einmal eine Zeit gegeben, in der ich Zimt-Wuppis bestellen konnte, aber sie ist vorbei. Ich bin zu alt für diesen Quatsch. Infantile Produktbezeichnungen krümmen mich vom Kauf­hallen­regal weg. Quetschi – das leicht herausquetschbare Apfelmus, Knabbi – das knabberbare Ess­papier, Rolly – der rollende Lautsprecher, Flutschi – die flutschende Gleitcreme, sie werden nie eine Purchase-Decision bei mir triggern, sprich eine Kaufentscheidung auslösen, so sehr sich die Marke­ting-Experten aus dem Werbekindergarten auch die Daumen drücken. Sogar meine – journalistisch leider erforderliche – Fähigkeit, einer Konferenz mit den beiden Linken-Politikern Gysi und Perli beizuwohnen, nimmt zusehends ab. Ich er­trage die Verunwürdigung der Welt nicht mehr. Ich möchte, dass die Dinge und Menschen um mich herum Namen tragen, bei de­nen man nicht sofort eine Roll­­tröte strammblasen möchte.

Wie im Kino (Leseprobe aus Heft 6/2010)  »Red du mit ihm!«, sagt meine Mutter, »vielleicht hört er ja auf dich.« Vadder sitzt im Fernsehsessel und wippt furchteinflößend mit den braunen Kordhausschuhen. Ich bin mir gerade jetzt nicht so sicher, dass mein Vater mich gezeugt hat, damit er im Alter jemanden hat, auf den er hören kann. »Hallo, Vadder!«, sage ich vorsichtig. »Deine Mutter braucht dich gar nicht einspannen«, knurrt mein alter Herr. »Ich liege nicht neben Dieter Klapproth.«
Abgeworfen auf dem Couchtisch liegt ein Schreiben der Friedhofsverwaltung und daneben ein Belegungsplan der Grabstellen. Das Schreiben schreibt, dass dem Wunsch leider nicht entsprochen werden könne, weil die fragliche Nummer 67 schon vergeben sei. An die Eheleute Klapproth. Man könne jedoch daneben … Ich frage, was an Dieter Klapproth so schlimm sei. Vadder schäumt. »Ein Angeber. Ein Wichtigtuer vor dem Herrn.« Ich wende ein, dass es sich im Ernstfall um eine Urne voll Pulver handeln wird. Vadder hält dagegen, dass er Dieter Klapproth kenne und der in jedem Ag­gre­gatzustand ein Wichtigtuer sei. »Der ist ja nicht tot wie alle anderen anständigen Menschen auch. Augen zu und Ruhe geben. Das kann der gar nicht. Und dann noch seine Olle dazu, dieses Flittchen.« Mutter ruft jetzt »Bitte!« aus der Küche.

Die Vorteile von Vollbart & Schleier (Leseprobe aus Heft 05/2010) Relativitätstheorie hin oder her. Man kann doch nicht in acht Stunden Nachtschlaf 20 Jah­re älter werden? Oder doch? Mit männlich be­herrschtem Entsetzen betrachte ich im Bad mein Spiegelbild. Mein Hals hat deutlich diese dörrobsthafte Feinschrumpligkeit, diese kosmetisch unoperierbare Truthahn-Labbrig­keit bekommen, und selbst die Haut der Hände, die ungläubig da­ran herumtasten, wirkt irgendwie eine Nummer zu groß. Vielleicht wird man gar nicht älter, sondern nur innen kleiner? Werde ich demnächst runzelig wie ein chinesischer Faltenhund in der »Großen Show der Naturwunder« herumstehen, während der wie ge­wohnt alterslose Ranga Yogeshwar mit einem Laser­pointer an mir herumfunzelt und über die »unglaublichen wissenschaftlichen Ein­sich­ten« schnarrt, die das »ruck­artige Vergreisen dieses bedauerns­­werten Mannes« erlaubt.
Verstört gehe ich zu meiner Frau, die an den Küchenlampen herumschraubt. »Ich sehe unterm Kinn irgendwie aus wie Dagmar Berghoff!«, sage ich, und meine Frau guckt mich mit diesem »Was hat er denn nun schon wieder?«-Blick einer viel ge­prüften Hypochondergattin an. »Finde ich nicht«, sagt sie zunächst, aber ich bitte sie, mich nicht zu schonen, worum ich sie ja normalerweise auch nicht bitten muss. Dann knipst sie das Licht an, erschrickt, knipst das Licht wieder aus und wieder an.
»Es ist das Licht!«, sagt meine Frau. »Es sind die Ener­gie­sparlampen, die ich heute morgen eingesetzt habe. Die werden nicht nur älter, die machen auch älter!« Wir schweigen und sehen uns an wie Leute, die ein Staatsgeheimnis enthüllt haben und gleich von einem durchs Fenster purzelnden Überfallkommando verschleppt werden.

Onkel vom Dienst (Leseprobe aus Heft 4/2010).  Mit Nichten kann ich mitnichten prahlen, gerade mal eine habe ich, aber Neffen habe ich so viele, dass ich sie in Gruppen einteilen muss. Neffen­gruppe Nord, Neffengruppe Mitte, etliche kleinere Leibneffenverbände eingeschlossen. Egal, wohin ich in Deutschland komme, immer steht irgendwo ein Neffe rum, fächelt verlegen süßlichen Rauch aus dem Fenster, beteuert, wie besessen zu studieren, und fragt zu Boden blickend, ob ich ihm mal irgendwas um die hundert Euro borgen könne, die ich gleich morgen, spätestens aber irgendwann nach meinem Tod zurückkriegen würde. Das Gute an Neffen ist, dass man bei ihnen stets eine – wenn auch nur halbherzig entseuchte – Tasse türkischen Kaffees bekommt und ein halbes Stündchen über das Leben palavern kann.
So kam ich unlängst mit einem Neffen auf den drohenden Führer­scheinentzug zu sprechen, den dieser sich mit etlichen gut dokumentierten Schnell­fahrten durch nächtliche Straßen zugezogen hatte. Er war zerknirscht, und ich hielt es für meine vornehmste Auf­gabe als Onkel, ihn zu trösten. »Ach«, sagte ich, »so was passiert, wenn man jung und bedenkenlos ist. Dein Vater musste auch mal ein halbes Jahr zu Fuß gehen.«
Der Neffe zeigte sich über das Vorleben seines Vaters absolut uninformiert und rückte spontan sogar noch die Kekse raus, die ihn eigentlich über die Woche ernähren sollten. Also hub ich an, ihm zu berichten, wie einst sein Erzeuger des Trunkes voll in einem viel zu langsam vor sich hin rollenden Trabbi von einer Streife gestellt wurde und mit ihr in ein Hand­gemenge geraten war, weil er die Schnaps-Buddel »Timms Saurer« partout noch vor der Beschlag­nahme aussüffeln wollte. Dem Neffen ward gleich leichter ums Herz. Drei Stunden später klingelte mein Handy, als wolle es von selbst rangehen. Meine Schwester war dran, um mir die Ver­wandt­­schaft zu kündigen. Die Erziehungsarbeit von Jahren hätte ich zerstört, für eine – übrigens unerhebliche – Anekdote. Das sei eines Bruders unwürdig. Ich entgegnete: »Ein Onkel aber darf das!«
Das führte uns sogleich zu einer wichtigen Frage. Was ist eigentlich der Onkel für einer? Auf wessen Seite steht er?

Fiese Taktik (Leseprobe aus Heft 3/2010) »Ich will in den FrÜÜÜÜÜhhort!« Die Troll­prinzessin hat den Nachthemdpopo in die Höhe gereckt und ihr Gesicht ins Sofakissen gepresst und guckt nur hervor, um den Satz noch einmal zu schreien. Ich sitze vor meinem zweiten Morgen­kaffee und wedele mit der Hand vor meiner Stirn herum, um meiner Frau zu bedeuten, dass unsere Tochter einen Knall hat. Frühhort! So weit kommt’s noch. Als wenn wir Leute wären, die ihre Kinder ständig bei Fremden unterbringen, damit sie in Ruhe darüber grübeln können, warum ihr Nach­wuchs so schlimme Bindungsstörungen hat.
Die Trollprinzessin hat zur zweiten Stunde, aber plötzlich und unerwartet entdeckt, dass sie unbedingt in den Frühhort will. Gestern Abend wollte sie noch nicht. Der Wunsch muss sich überraschend im Schlaf gebildet haben. Schon deswegen darf man ihm nicht nachgeben, denn die Gefahr ist groß, dass er sich ebenso schnell zurückbildet und man auf halbem Schulweg wieder umkehren muss. »Nun hör mir doch erst mal zu«, sage ich, aber die Schmoll­prinzessin hopst auf dem Sofa auf und ab, hält sich die Ohren zu und schreit: »Nein, nein! Ich hör dir überhaupt nicht zu!«
Fiese Taktik. Sie verweigert sich der überlegenen Rationalität ihres Vaters, denn freilich bin ich der Mann, der ihr in siebenundzwanzig sauberen Argu­mentations­schrit­ten beweisen kann, dass ihr Früh­­­hort-verlangen einer nichtigen Regung entspringt und sie viel lieber diesen Morgen still im Kinder­zimmer mit ihren Püppis spielen will.
Beim Kron­sohn hat es funktioniert. Der ließ sich immer auf so was ein, im Irrglauben, er könne mich seinerseits argumentativ »umdrehen«. (Richtig em­pfehlen kann ich die argumentationsgestützte Pädagogik aber auch nicht, weil man bei einem Sechzehn­jährigen dann schließlich anderthalb Stun­den Zeit und promotionswürdige Kenntnisse in mehrwertiger Logik vorhalten muss, um ihn über den Umweg der euro­päischen Hygiene­geschichte und der protestantischen Leistungsethik zum schlichten Bettmachen zu überreden.)
Leider hat die Trollprinzessin schon früh herausgefunden, dass es eine Abkürzung zum Lolli oder zum Längeraufbleiben gibt: Einfach Ohren zuhalten und so lange schreien, bis der Wunsch in Erfüllung geht.

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  Lena Odenthal (Ulrike Folkerts)

 
  Klara Blum (Eva Mattes)

 
 
 
 
 
   
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