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  Kirsten Fuchs: Ich & Wir
  Pärchen-Kolumne
Ganz einfach
 
Wo bleibt der Nachfolger? (Leseprobe aus Heft 1/2009) Ich bin ich. Da bin ich mir nach 33 Jahren absolut sicher. Ich bin aber auch wir. Da bin ich mir nach vier Jahren einigermaßen sicher. Ich bin natürlich nicht alleine wir – ich hab ja keinen Haschmich –, sondern ich hab ja Clemens. Zwei Ichs. Ein Wir. Zwei Dus. Steffi und Clemens. Und jetzt gehört noch eine Luise zu uns. Drei Ichs. Ein Wir. Drei Dus. So ist es richtig schön, finde ich. So ist es schön richtig, findet meine Mutter. Es gehört sich, dass eine Frau, die zu einem Mann ge­hört, ein Kind bekommt. Von diesem Mann, versteht sich. Oder zwei. Kaum ist Luise da, wurde indirekt nach dem Nach­folger gefragt. Ob es nach dem Kaiserschnitt möglich sei, noch ein zweites Kind zu be­kom­men, wollte Clemens’ Mutter wissen.
Sie hat kein Mitleid mit mir, wie ich in Stützstrümpfen mit Pinkelbeutel im voll­elektrischen Krankenhausbett liege, das mehr einem Fantomasgefährt denn einem Schlaf­möbel ähnelt. Clemens’ Schwester ist ebenfalls mit Kaiserschnitt auf die Welt gekommen, ebenfalls nach Stunden Wehen und eben­falls, weil das Kind sich nicht ordnungsgemäß in den Geburtskanal eingefädelt hat. »Die Kinder heute finden alle den Ausgang ohne Navi nicht«, sagte der Arzt zu einem Zeit­punkt, da war mir gar nicht nach Lachen zumute.
»Na ja, zweites Kind hat Zeit«, sage ich.
»Aber so in eineinhalb Jahren«, beschließt Clemens’ Mutter. »Dann aber nicht erst Ge­burts­­haus und Trallafitti und Faxe­matosen. Dann gleich ins Krankenhaus.« Sie hat nicht nur kein Mitleid mit mir, sie findet, der Kai­ser­­schnitt sei die gerechte Strafe dafür, dass ich nicht auf sie gehört habe, als sie wort­wörtlich warnte: »Pipapo, natürliche Geburt, moderne Flausen sind das.«
Meine Mutter hat Mitleid mit mir. Sie sagt, sie sei froh, dass sie erst hinterher erfahren hat, wie schwer alles war. Sie hätte sich sonst solche Sorgen gemacht.
Dabei fing alles ganz super an.
»Wollen wir die Wehen anschieben, Pony­ball?«, fragte Clemens morgens im Bett. Das hat er sich vom Geburtsvorbereitungskurs ge­merkt. Im Sperma ist Prostaglandin, und das ist wehenfördernd. Wären Hochstreck­sprünge wehenfördernd, hätte er es sich vielleicht nicht gemerkt. Wir schoben ordentlich die Wehen an, und gegen elf Uhr wehte es so sehr, dass es mehr als ein laues Lüftchen war. Es zog. Ein Fenster war spaltbreit auf.
Die Angaben darüber, ab wann man eine Hebamme kontaktieren sollte, gehen auseinander wie die vier Evangelien in der Frage der Speisung der X-tausend. Mal sind’s viertausend Menschen und elf Fische, mal anders­rum. Wenn die Wehen länger als x, in einem Abstand von x, über einen Zeitraum von x auf­­treten, dann könne man davon ausgehen, dass die Geburt angefangen hat.
Wir warteten bis x und gingen dann los. Der Weg zum Geburtshaus ist 15 Geh­minu­ten, aber 45 Wehminuten, witzelte ich zwischen zwei Wehen. Während der Wehen war mir unwitzelig.
Bis zum frühen Abend wehte der Mutter­mund auf. Ich wehte in der Badewanne, ich wehte an Clemens’ Schulter. Es zog so stark, als wären alle Fenster auf und ordentlich Sturm im Haus. Gegen acht Uhr wollte ich die Hebamme fragen, was sie glaubte, wie lan­ge es noch dau­ern könnte, bis es richtig losgeht … Die Heb­amme hieß Heidrun. Wei­ter als Heijeijei … kam ich nicht, weil die nächs­te Wehe kahaham. Das Haus wehte weg.
Heijeijeidrun ertastete, dass das Kind nicht lag, wie es sollte. Es lag auf halb zwei oder so, dabei war es inzwischen um zehn nachts. Ich war Jekyll-und-Hyde-mäßig. Während der Wehe brüllte ich die Wand an, gewann das Armdrücken mit Clemens und konnte nur Vo­kale sagen. Zwischen den Wehen schlief ich ein, aß etwas, sagte, dass wir einen Quer­kopf bekämen.
»Du wirst wohl ins Krankenhaus müssen«, sagte die andere Hebamme. Regina. Ich wollte ins Krankenhaus. Ich wollte Drogen. Ich wollte mein Kind nach Regina benennen, wenn es ein Mädchen wird. Wenn’s ein Junge wird auch.
Als ich gerade an der Stelle bin und dramatisch davon berichten will, wie wir ins Krankenhaus fuhren, ich gebückt den Flur langschlurfte, dann eine PDA bekam und …, da macht Luise ein Auge auf.
»Sie ist wach!«
Alle strömen von meinem Fantomasbett zu Luises kleinem Rollbettchen.
Die Großeltern stehen wie lächelnde Bäu­me mit geneigten Kronen um den frischen Setzling. Oma eins sagt, Luise hätte meine Ohren, Clemens’ Stirn, meine Nase, seinen Rücken, meinen Nasenrücken, seine Ober-, meine Unter-, ganz schön schöne Lippen.
Ich habe die ganze Schwangerschaft über gescherzt: »Wir bekommen ein Kind. Unsere Eltern waren einfach so weit.« Wie weit sie so weit waren, sehe ich jetzt erst.
Oma zwei sagt, Luise würde mehr nach unserer Art schlagen.
»Geschlagen wird hier gar nicht«, sagt Opa zwei.
»Höhö«, lacht Opa eins.
Ich bin müde, denn nachts kann ich vor lauter Liebe nicht schlafen. Na gut, es mag auch profaner daran liegen, dass ich abpumpen, stillen und zufüttern muss, aber wenn ich damit fertig bin und Luise schläft, könnte ich ja auch schlafen. Da muss ich aber das kleine Knurkelchen ansehen.
»Das habt ihr aber gut gemacht«, sagt Opa eins.
Ein Moment andächtige Stille, bis Luise schreit.

Strampler? Sorgerecht? (Leseprobe aus Heft 12/2009) aben wir jetzt alles erledigt, oder was fehlt noch?«, fragt mich Cle­mens abends im Bett. Ich versuche, mich zu ihm zu wälzen. Padumpf, gluck, fällt meine dicke Bauchbeule auf die Seite. Das Kind strampelt sich eine bequeme Lage. »Muttermund is noch zu. Das muss ich noch machen vor der Geburt«, sage ich.
Wir haben wirklich fast alles erledigt. Ich gehe meine Checkliste durch.
Strampler? Sind da! Fehlt nur das, was drin herumstrampelt.
Babybadewanne? Is da! Nur Baby ist noch in der Insidebadewanne mit Fruchtwasser.
Bettchen ist da. Mobile hängt drüber, und über Mobile hängt Himmelchen.
Kinderwagen? Is da! Hat Räder. Passt ein Kind rein. Kind fehlt noch.
Tragetuch? Ist da! Ist jadefarben, elastisch, passt ein Kind rein. Zumindest passt die Plüsch­katze rein, die ungefähr Kleinkinder­größe hat.
Wickelkommode is da. Liegt die Plüsch­katze drauf und hat einen der Strampler an. Ich hab nur mal geübt.
Sogar die Amtsgänge sind erledigt.
Eine Vaterschaft anerkennen lassen ist un­komplizierter, als das gemeinsame Sorge­recht zu beantragen. Für die Vaterschaft müssen beide nur »ja« sagen und unterschreiben. Man muss sich nicht mal küssen. Die gemeinsamen Ringe tauscht man nach der Geburt des Kindes in Form von Augenringen. Hier­mit erkläre ich Sie zu Papa und Mama, im Amts­­deutsch: Kindsvater und Kindsmutter. Nur das Kind ist noch nicht da.
Für das gemeinsame Sorgerecht allerdings muss man auf Umwegen durch die Hölle ge­hen. Die behördlich zugelassene Amts­hölle. Für die Anfangsbuchstaben des Nach­namens der Mutter im ersten Teil des Alpha­bets sind für den ganzen Bezirk sage und staune nur zwei Frauen zuständig, von denen immer eine im Urlaub ist. Man muss bei der verbliebenen überarbeiteten Frau tagelang versuchen, zwischen dreizehn Uhr und viertel zwei anzurufen, um zu erfahren, wo man per Post ein grünes Fax hinschicken darf, damit man dann eine E-Mail bekommt mit einer Telefonnummer, unter der man erfährt, dass man nur donnerstags mit Lackschuhen ins Jugendamt darf, um das gemeinsame Sorge­recht zu beantragen.
Jetzt dürfen wir uns gemeinsam Sorgen um das Kind machen. Nur das Kind fehlt noch.
»Und, willst du, dass es losgeht?«, fragt Clemens mich. Im Bauch geht erst mal die mitternächtliche Turnstunde los. Streck das Bein, beul den Bauch, tritt mit dem Fuß, triff die Rippen.
»Ist das groß geworden«, sage ich und be­trachte meinen ausgedehnten Mittelteil, in dem es zappelt, Clemens Hand darauf.
Ob ich will, dass es losgeht?

Im meditativen Muttermodus (Leseprobe aus Heft 10/2009) Weil Clemens und ich das erste Mal Eltern werden, nahmen wir an einem Babypflegekurs teil. Gott sei Dank gibt es ja Leute, die schon vor uns Eltern geworden sind. Adam und Eva mussten ganz ohne Baby­pfle­gekurs Abel und klein Kain versorgen. Die haben die bestimmt mit Sauerampfer­blättern gewickelt, und dann hat Abel Aus­schlag be­kommen und Kain kein.
Ich höre im Moment auf alles, was irgendwer sagt. Wenn irgendwer sagte, ich solle je­den Tag eine Pastinake in Schwanenform schnitzen und mir rektal einführen, dann würde ich sofort fragen: »Warum?«
Das sind die Hormone. Die zwingen mich, Schokolade zu essen, mitten in der Nacht. Es wären mehrere Probleme gleichzeitig be­seitigt, wenn der Kühlschrank neben mein Bett gestellt werden würde. Ich müsste nachts nicht so viel herumtapsen und davon schmer­zende Füße bekommen. Ich wäre auch nicht den folgenden Tag so müde, dass ich höchs­tens noch zum Schlümpfebemalen zu ge­brau­­chen bin.
Ich existiere ganze Phasen des Tages in einem meditativen Mutter­modus. Wenn es tatsächlich das Phänomen Still­demenz gibt und alles noch schlimmer wird, dann kann ich meinem Hirn schon mal Lebewohl sagen, bevor ich das Wort für Lebewohl vergessen habe.
Der Säuglingspflegekurs fand an einem Wochenende statt. Ort war das Geburtshaus,

Zeit für Selbsttäuschung (Leseprobe aus Heft 9/2009) Wir können tun und lassen, was wir wollen, vier Monate noch, wir sind frei, wir genießen das. Wir machen einfach, was wir wol­len, und wir wollen abends aufm Sofa sitzen und darüber reden, dass wir jetzt noch tun und lassen können, was wir wollen. Wir sind so frei. Wir genießen das.
Wir können stundenlang auf dem Spiel­platz sitzen und uns diese spielenden Kinder ansehen – ist das laaaangweilig – und uns freuen, dass wir hier noch nicht sitzen müssen, um nichts anderes sehen zu können als diese spielenden Kinder, stuuuuundenlang. Wir können, wenn ein Kind über einen Zaun klettert, wetten, wie es fällt, wir nennen das Spiel »Kopf oder Zahn«.
Wir können uns einbilden, dass wir alles viel besser machen werden als alle anderen, die sich auch eingebildet haben, dass sie alles viel besser machen werden als die anderen, die sich eingebildet haben, alles besser zu ma­chen als die anderen.
Wir können uns einbilden, dass es uns egal ist, ob es ein Junge oder ein Mädchen wird – Hauptsache gesund – und beim Ultra­schall so tun, als ob wir dran vorbeisehen. Nein, nein, das ist uns egal, Hauptsache ge­sund.
Wir können uns einbilden, dass ich keine Drogen bei der Geburt brauche, ich trotzdem nicht beim Pressen Clemens’ Hand breche und wir deshalb unbesorgt – tideldipom – ins Geburtshaus gehen – lalala – drei Stunden Wehen – hui – Kind da. Jippi!



Stubenarrest für das Ungeborene (Leseprobe aus dem Sommerheft 2009) Ich bin beeindruckt davon, dass in mir drin ein Kind wächst, was ich da mache … woher ich das kann … und mit welcher Selbstverständlichkeit. Ich schluder sonst immer alles so hin, dass ich schon befürchtete, ich könnte irgendwas vergessen haben an dem Kind. Nee, alles dran, sagt die Frauen­ärz­tin. Wie hätte ich das auch später erklären sollen? Ach, Beine, Beine … völlig überschätzt.
Ich werde so oft das Gleiche gefragt, und mir wird so oft gesagt, wie das bei anderen Schwangeren war, dass es sich für eine findige Firma lohnen könnte, Schwangerenkarten herzustellen. Wie Autokarten, mit denen man Stechen oder Quartett spielen kann.
Wie oft gekotzt?
Wie viele Kilo zugenommen in der Schwanger­­schaft?
Wie viele Vornamen?
Wie viel Kandidaten für den Vaterschaftstest?
Da würden sie dann sitzen, die Frauen mit ihren Bäuchen, in den Geburtsvor­bereitungs­kursen und Schwangerenkarten spielen, wäh­rend sie auf Hebamme Annette warten, die immer so liebevoll mit der Baby­simulations­puppe umgeht.
Meine eigene Schwangerenkarte ist nur mit Pinkeln ganz weit vorne.
Andere häufige Fragen:
Ist dir schlecht? Nein.
Was wird’s? Ein Kind.




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